Digitale Souveränität: Infrastruktur, Macht oder Gesellschaftsprojekt?

Digitale Souveränität zählt zu den zentralen Herausforderungen europäischer Technologie- und Gesellschaftspolitik. Kaum ein Strategiedokument zu Cloud Computing, Künstlicher Intelligenz oder öffentlicher Digitalisierung kommt heute ohne den Begriff aus. Gleichzeitig bleibt bemerkenswert unklar, was mit „Digitaler Souveränität“ konkret gemeint ist. Geht es um technologische Unabhängigkeit? Um staatliche Handlungsfähigkeit? Um Kontrolle über Daten und Infrastruktur? Oder um gesellschaftliche Selbstbestimmung?

Der folgende Beitrag greift unterschiedliche Perspektiven auf Digitale Souveränität auf, die aktuell innerhalb der Informatik-Community diskutiert werden – von europäischer Cloud-Infrastruktur über Open Source und digitale Gemeingüter bis hin zu geopolitischen Machtfragen und gesellschaftlicher Verantwortung der Informatik. Er fasst die Positionen der verschiedenen Beiträge auf dem Jahresevent 2026 des German Chapter of the ACM zusammen. Mehr Infos zum Event hier.

Digitale Souveränität aus Perspektiven von Infrastruktur, Geopolitik, Open Source und Gesellschaft.

Digitale Souveränität als Infrastrukturfrage

Eine erste Perspektive versteht Digitale Souveränität primär als Infrastruktur- und Resilienzfrage. Vertreterinnen und Vertreter europäischer Cloud- und KI-Initiativen argumentieren, dass sich Europa in kritischen digitalen Abhängigkeiten befindet – insbesondere bei Cloud-Plattformen, KI-Infrastrukturen und Datenökosystemen.

Hans Torben Löfflad von STACKIT greift von Digitaler Souveränität in diesem Kontext vor allem auf als Fähigkeit, zentrale digitale Systeme innerhalb europäischer Jurisdiktion kontrollieren und betreiben zu können. Im Mittelpunkt stehen Datenhoheit, Governance über den gesamten Datenfluss, technische Resilienz sowie die Vermeidung von Lock-in-Effekten gegenüber außereuropäischen Hyperscalern.

Bemerkenswert ist dabei, dass technologische Souveränität zunehmend nicht mehr als rein staatliches Projekt verstanden wird. Stattdessen entstehen derzeit neue industriegetriebene europäische Infrastrukturökosysteme, die Cloud, KI, Datenplattformen und Open-Source-Technologien integriert denken. Gerade im Bereich generativer KI wird sichtbar, wie eng wirtschaftliche Wertschöpfung, Datenkontrolle und geopolitische Macht inzwischen miteinander verflochten sind.

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Kritik am Begriff der Digitalen Souveränität

Eine zweite Perspektive kritisiert bereits den Begriff der „Digitalen Souveränität“ selbst. Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland verweist auf politikwissenschaftliche Arbeiten, die den Begriff als sogenanntes „magisches Konzept“ beschreiben – also als einen positiv aufgeladenen Begriff, der unterschiedlichste und teilweise sogar widersprüchliche Zielsetzungen gleichzeitig transportieren kann.

Der Begriff ermöglicht breite politische Zustimmung, verdeckt aber häufig konkrete Macht- und Interessensverhältnisse. Aus dieser Sicht greift eine rein technologische Diskussion zu kurz.

Freies Wissen, Open Data, offene Standards, digitale Gemeingüter und interoperable Wissensinfrastrukturen seien ebenso entscheidend wie Rechenzentren oder KI-Modelle. Projekte wie Wikipedia oder OpenStreetMap zeigen seit Jahren, dass digitale Handlungsfähigkeit häufig weniger aus proprietären Plattformen entsteht als aus langfristiger kollaborativer Infrastrukturarbeit.

Gleichzeitig argumentieren Vertreter dieser Perspektive, dass viele aktuelle Digitalisierungsprobleme weniger technologische Ursachen als vielmehr Governance-, Organisations- und Kompetenzprobleme seien.

Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen technologische Infrastruktur an sich, sondern gegen eine Verkürzung der Debatte auf einzelne Produkte oder Anbieterwechsel. Der Austausch proprietärer Systeme durch funktional ähnliche Alternativen löst nicht automatisch strukturelle Abhängigkeiten oder problematische Machtkonzentrationen. Stattdessen rücken Fragen nach offenen Ökosystemen, demokratischer Kontrolle und institutioneller Lernfähigkeit stärker in den Mittelpunkt.

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Digitale Souveränität als geopolitische Machtfrage

Eine dritte Perspektive betrachtet Digitale Souveränität primär als geopolitische Machtfrage. Harald Wehnes argumentiert, dass Europa sich inzwischen in einer strukturellen digitalen Abhängigkeit befindet, die weit über einzelne Softwareprodukte hinausreicht.

Kritische Kommunikations-, Cloud- und KI-Infrastrukturen werden zunehmend von wenigen globalen Plattformakteuren kontrolliert. Daraus entstehen neue politische und wirtschaftliche Machtasymmetrien – insbesondere dort, wo juristische Zugriffsmöglichkeiten auf Daten mit wirtschaftlicher Plattformdominanz zusammenfallen.

In dieser Perspektive erscheint Digitale Souveränität weniger als Innovations- oder Modernisierungsthema, sondern vielmehr als strategische Frage gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Besonders kritisch bewertet werden dabei außereuropäische Zugriffsmöglichkeiten auf sensible Datenbestände sowie die langfristige Konzentration digitaler Infrastruktur bei wenigen globalen Anbietern.

Wehnes verweist gleichzeitig darauf, dass Alternativen grundsätzlich vorhanden seien – sowohl im Bereich Open Source als auch bei europäischen Cloud- und Plattformanbietern. Entscheidend sei jedoch, dass Digitale Souveränität nicht als abstraktes Zukunftsbild diskutiert werde, sondern als konkreter institutioneller und wirtschaftlicher Transformationsprozess.

Zwischen Kooperation und Fragmentierung

Bemerkenswert ist, dass sich trotz der unterschiedlichen Perspektiven ein gemeinsamer Kern erkennen lässt. Weder Infrastruktur allein noch politische Regulierung oder Open-Source-Technologien genügen isoliert betrachtet. Vielmehr entsteht Digitale Souveränität offenbar erst im Zusammenspiel von technologischer Kompetenz, resilienten Institutionen, offenen Wissensökosystemen, demokratischer Governance und langfristiger strategischer Handlungsfähigkeit.

Gleichzeitig deutet sich ein tieferer Wandel innerhalb der Informatik selbst an. Während die digitale Transformation der vergangenen Jahrzehnte stark von Globalisierung, Offenheit und internationaler Kooperation geprägt war, dominieren heute zunehmend geopolitische Spannungen, Plattformkonkurrenz und fragmentierte digitale Räume.

ACM-Präsident Yannis Ioannidis weist darauf hin, dass sich die Informatik-Community damit in einem neuen Spannungsfeld zwischen Kooperation und Souveränitätsbestrebungen bewegt. Gerade dadurch gewinnen offene digitale Ökosysteme, internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit und gemeinschaftlich entwickelte Infrastrukturen möglicherweise eine neue Bedeutung.

Verantwortung der Informatik

Für die Informatik ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Einerseits braucht es technologische Kompetenz, um vertrauenswürdige und resiliente digitale Systeme aufzubauen. Andererseits wird immer deutlicher, dass Informatik nicht neutral ist.

Fragen der Governance, der Machtverteilung, der demokratischen Kontrolle und der gesellschaftlichen Verantwortung digitaler Systeme rücken zunehmend in den Mittelpunkt der Disziplin selbst. Digitale Souveränität ist damit nicht nur ein Infrastrukturthema, sondern auch ein gesellschaftliches Gestaltungsprojekt.

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Marc-Oliver Pahl
Veröffentlicht in ACM, Jahresveranstaltung 2026, Mitgliederversammlung, Veranstaltungen und verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , .

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